KZ-Gedenkstätte Moringen

Ludwig Adamec

Ein Wiener Schlurf sehnte sich nach Freiheit 

Der 1924 in Wien geborene Ludwig Adamec war von 1943 bis 1945 Häftling im Jugend-KZ Moringen gewesen. Früh hatte er seine Eltern verloren, den Vater, als er noch ein Kind war, und die Mutter, als er sechzehn Jahre alt war. Wie viele Jugendliche in dieser Zeit liebte Ludwig Adamec Swing-Musik. In Wien wurden ihre Anhänger Schlurfs genannt. Ludwig lernte Swing tanzen und hörte gemeinsam mit Freunden amerikanische Jazz-Platten. Die Schlurfs trugen lange Sakkos, Krawatten mit kleinen Knoten und enge Hosen. Der Hitlerjugend wollte niemand von ihnen beitreten. Nach einer Jam-Session setzte eine Verhaftungswelle ein. Ein Fluchtversuch in die Schweiz scheiterte, es folgte die Einweisung in verschiedene Erziehungsheime. Ludwig floh, lebte in der Illegalität, versuchte abermals ins Ausland zu gelangen, wurde aufgegriffen und zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Anschließend erhielt er einen Schutzhaftbefehl und kam in das Jugend-KZ Moringen.

Hier leistete er Zwangsarbeit, zunächst in einer unterirdischen Heeres-Munitionsanstalt, dann im Kommando Steinbruch, schließlich bei der Firma Piller. Sein handwerkliches Geschick verhalf ihm zur Arbeit als Elektroschweißer. Später wurde er als Friseur eingesetzt und zum Reinigen der SS Unterkünfte.

Zum zwölfstündigen Arbeitseinsatz kamen tägliche Schikanen und Strafen. Es gab Stockhiebe für Kleinigkeiten. Bei jedem Schlag musste der Häftling mitzählen. "Dann musste man aufstehen und sagen, ´10 Stockhiebe dankend erhalten´", berichtete Ludwig Adamec 2006 in einem Interview mit der Gedenkstätte. War beim Appell die Kleidung schmutzig oder zerrissen, konnte dies Essensentzug bedeuten. "Essensentzug war tragisch, ein paar Tage nichts zu essen, das konnte der Unterschied zum Weiterleben sein." Wichtig war für Ludwig Adamec der Überlebenswille: "Schauen, dass man durchkommt."

Ludwig Adamec überlebte das Lager und kehrte nach Wien zurück. Doch heimisch wurde er hier nicht mehr. Er sehnte sich nach Freiheit: "Ich wollte die Welt sehen!" 1950 brach er auf zu einer langen Reise nach Asien und Afrika. Eine zweite Reise führte ihn dann 1952 nach Afghanistan. 1954 zog es ihn in die USA. Der inzwischen dreißigjährige Adamec holte hier die für ein Studium notwendigen Bildungsabschlüsse nach, studierte Politik und Journalismus und wurde an der University of California, Los Angeles (UCLA) in Nahoststudien und Islamwissenschaft promoviert. Ab 1967 lehrte er an der University of Arizona in Tucson. Hier begründete er 1975 das Zentrum für Nahoststudien, dessen Leiter er bis 1985 war. Von 1986 bis 1987 war er Leiter der Afghanistan-Abteilung des Rundfunksenders Voice of Amerika. 2005 wurde er emeritiert.

Ludwig Adamecs Forschungsinteresse galt der Geschichte Afghanistans. Regelmäßig bereiste er das Land, zuletzt 2008. Die Ergebnisse seiner Forschungen finden sich in zahlreichen Veröffentlichungen, darunter ein Historical Dictionary of Afghanistan und ein Historical Dictionary of Islam.

Ludwig Adamec besuchte auf seinen Europareisen immer wieder die KZ-Gedenkstätte Moringen und nahm auch an den Treffen der ehemaligen Häftlinge des Jugend-KZ teil.

Ludwig Adamec ist am 1. Januar 2019 in Tucson, Arizona, verstorben.