KZ-Gedenkstätte Moringen

„Schwestern, vergesst uns nicht.“

Ausstellung mit Kohlezeichnungen von Hedwig Regnart. Widerstandskämpferin und Häftling im Frauen-KZ Moringen (1936–37)

Viele ihrer Erfahrungen hat die Fürther Widerstandskämpferin Hedwig Regnart in ausdrucksstarken Kohlezeichnungen dargestellt. Als Autodidaktin zeichnete sie Bilder von der Not der Bevölkerung nach den beiden Weltkriegen. Immer wieder thematisieren ihre Zeichnungen Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus. Viele Bilder zeigen Menschen in der Isolation der Einzelhaft, die sie selbst mehrmals für Monate erdulden musste.

Hedwig Regnart hatte ihre Zeichnungen nie für eine Ausstellung vorgesehen. Sie zeichnete, um das Erlebte zu verarbeiten. Für uns heute sind diese Bilder eine historische Quelle: Dokumente über den politischen Widerstand, ausgeführt von Frauen, deren Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus lange Zeit wenig Beachtung und Anerkennung erfuhr.

Widerstandskämpferin und Friedensaktivistin

In der Jugend erlebte Hedwig Regnart Not und Entbehrung. Die Bilder der heimkehrenden Soldaten aus dem 1. Weltkrieg waren prägend. Sie arbeitete als Dienstmädchen und Fabrikarbeiterin, immer wieder folgten Phasen der Arbeitslosigkeit. Schon früh politisierte sich Hedwig Regnart und engagierte sich in der Arbeiterbewegung. Sie lernte Esperanto und interessierte sich für den Sozialismus, trat der KPD bei, führte eine örtliche Pioniergruppe und übernahm später die Bezirksleitung der KPD-Jugend in Nordbayern. Auch agitierte sie vor Fabriken und leitete eine Frauengruppe zum § 218. Wegen ihrer politischen Betätigung war sie in den Jahren 1930–31 mehrmals in Haft. Im März 1933, nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, wurde Hedwig Regnart in „Schutzhaft“ genommen – ohne Verhandlung und Urteil. Die Haft erfolgte an mehreren Orten und endete im Frauen-KZ Moringen. Nach ihrer Entlassung im Januar 1937 lebte sie als Hausangestellte im Kleinwalsertal.

Hedwig Regnart blieb Zeit ihres Lebens ihren politischen Überzeugungen treu. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung und berichtete als Zeitzeugin über ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus. Eines ihrer letzten Bilder zeigt einen Kindersoldaten in Uganda.

Hedwig Regnart war aktives Mitglied der Moringer Lagergemeinschaft. 

Bleibt kämpferisch!
Hedwig Regnart, Moringen 1999

 

Hedwig Regnart (1908-2001)
Ich habe die Bilder zunächst für mich selbst gezeichnet, um die Erfahrungen im Gefängnis und im Konzentrationslager zu verarbeiten. Da ist vieles erst so nach und nach wieder in mir hochgekommen.

Hedwig Regnart als Künsterlerin

Bereits als Kind und Jugendliche zeichnete Hedwig Regnart mit Begeisterung. Diese Leidenschaft hatte sie auch noch als Erwachsene. Eine künstlerische Ausbildung hat sie nie erhalten. Hedwig Regnart war eine Autodidaktin. Zur Übung zeichnete sie Werke anderer Künstler nach und feilte akribisch an ihrem eigenen Stil. Ihrem Ehemann Karl zeigte sie ihre Arbeiten und bat ihn um Kritik. Die Erfahrungen und Reflexionen ihres Lebens verarbeitete sie in ausdruckstarken Kohlezeichnungen. Die meisten Bilder zum Thema Haft entstanden nach dem Krieg. Wiederkehrendes Motiv ist die Einzelhaft.

Mitte der 1990er Jahre wurden Mitglieder der Frauengruppe Courage auf Hedwig Regnarts Arbeiten aufmerksam und organisierten mit ihren Bildern Ausstellungen. 2006 zeigte die KZ-Gedenkstätte Moringen im Reddersenhaus in Northeim eine umfassende Werkschau.

Kunst als Überlebensmittel und historische Quelle 

In der Haft zu zeichnen, war verboten und stand unter Strafe. Doch immer wieder versuchten Häftlinge, sich heimlich Material zu verschaffen. Auf der Rückseite von Briefen, auf bereits benutztem Papier oder auf Klopapier zeichneten sie, was sie sahen: Misshandlungen und Strafrituale, Zwangsarbeit oder die Ausgabe von Essen. Und sie zeichneten ihre Mithäftlinge. So entstanden Dokumente, die eine wichtige historische Quelle darstellen; sie zeigen Verfolgung und Lager aus der Sicht der Opfer. Sie geben Zeugnis vom Überlebens- und Selbstbehauptungswillen der Häftlinge. Das Zeichnen war ein Akt des Widerstands in einer ausweglosen und entwürdigenden Situation. Es half, Mut und Hoffnung zu schöpfen. Kunst war ein Überlebensmittel. Auch nach der Befreiung lassen viele ehemalige Häftlinge die Erfahrungen von Verfolgung und Haft nicht los. Das Zeichnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten.