KZ-Gedenkstätte Moringen

Ort und Geschichte

Der Ort

Moringen ist eine Kleinstadt im südlichen Niedersachsen. Zwischen 1933 und 1945 bestanden im Ortskern Moringens nacheinander drei Konzentrationslager. Ausgangspunkt waren die Gebäude des 1738 errichteten "Werkhauses". Heute befindet sich am ehemaligen Lagerstandort das Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, das heute auch noch einzelne der ehemaligen KZ-Gebäude nutzt. Nach 1945 wurde die Geschichte der Moringer Konzentrationslager über viele Jahre verdrängt und vergessen. Dies änderte sich erst Anfang der 1980er Jahre, als eine von bürgerschaftlichem Engagement getragene lokale Erinnerungsbewegung eine Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte des Ortes einleitete: 1989 wurde der Verein „Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V.“ gegründet. Er ist auch der Träger der 1993 in einem ehemaligen Torhaus der Stadtbefestigung eingerichteten KZ-Gedenkstätte. 

 

 

 

Die Geschichte

Werkhaus 1818-1944

Die drei Moringer Konzentrationslager waren in den Gebäuden eines parallel bestehenden Werkhauses untergebracht. Das Hauptgebäude stammt bereits aus dem 18. Jahrhundert und wurde zunächst als Waisenhaus genutzt. Das Werkhaus wurde 1818 eingerichtet. Mit der Einrichtung von Arbeitshäusern wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von den obrigkeitsstaatlichen Behörden Preußens und anderer Territorien eine restriktive Armenpolitik betrieben. Für die Dauer von maximal zwei Jahren konnten hier Personen, die im Wesentlichen der “Bettelei” und/oder “Landstreicherei” angeklagt worden waren, im Rahmen einer als “korrektionelle Nachhaft” bezeichneten Strafart eingewiesen werden. Seit 1843 waren hiervon auch Obdachlose betroffen. Das Moringer Werkhaus war eines von rund 50 Arbeitshäusern im Deutschen Reich. Es befand sich in der Trägerschaft des Provinzialverbandes Hannover und bestand neben den Konzentrationslagern bis zum Jahr 1944 fort.

Männer-KZ 1933

Im April 1933 wurde in Moringen eines der ersten Konzentrationslager des NS-Staates eingerichtet. Inhaftiert wurden oppositionell und antifaschistisch eingestellte Männer und einige Frauen der Arbeiterbewegung (u.a. KPD, SPD) aus der damaligen Provinz Hannover. Das Lager wurde im November 1933 aufgelöst. Die männlichen Häftlinge wurden in Polizeiaufsicht 'entlassen' oder in andere Konzentrationslager überstellt.

 

 

 

Frauen-KZ 1933-38

Anschließend entstand in Moringen das erste Frauenkonzentrationslager. Hervorgegangen war es aus einer Abteilung für weibliche Schutzhäftlinge im ersten Moringer KZ. Im Frauen-KZ waren Frauen aus dem politischen Widerstand interniert, die größte Gruppe bildeten jedoch Zeuginnen Jehovas. Darüber hinaus gab es in Moringen eine Reihe weiterer Häftlingsgruppen, darunter sogenannte "Rassenschänderinnen", jüdische Remigrantinnen, Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hatten, oder Frauen, die als „Berufsverbrecherinnen“ bezeichnet wurden. Auch der Vorwurf der Prostitution oder abfällige Äußerungen über das NS-System oder seine Repräsentanten konnten Einweisungsgründe sein. Das Moringer Frauen-KZ entwickelte sich zum zentralen Frauen-KZ Preußens. Es bestand bis 1938.

Jugend-KZ 1940-45

Für Jugendliche schufen die Nationalsozialisten zwei eigene Konzentrationslager, die sie beschönigend „Jugendschutzlager“ nannten. Das erste wurde 1940 in Moringen eingerichtet. Inhaftiert wurden hier männliche Jugendliche im Alter von 13 bis 22 Jahren aus dem gesamten Reichsgebiet und Volksdeutsche sowie potentiell „eindeutschungsfähige“ Jugendliche aus den von deutschen Truppen besetzten Ländern. Die Einweisungsgründe für die meist als renitent, unerziehbar oder kriminell bezeichneten Jugendlichen waren vielschichtig: Neben offen rassistischen und eugenischen Gründen konnten die Verweigerung des HJ-Dienstes, Homosexualität und „Sippenhaft“ zur Einweisung führen, ebenso wie die Zugehörigkeit zur Hamburger „Swing-Jugend“ oder der Vorwurf der Partisanenunterstützung. Diese sehr unterschiedlichen Haftgründe müssen vor dem Hintergrund der rassistisch geprägten Volksgemeinschaftsideologie im Nationalsozialismus gesehen werden. Bereits geringste Auffälligkeiten im Verhalten wurden als Anzeichen für Asozialität oder Kriminalität gewertet. Widerspenstigkeit und Auflehnung wurden als »gemeinschaftsfremdes« Verhalten definiert. Ein solch dehnbarer Begriff ließ den staatlichen Stellen genug Spielraum für willkürliche Maßnahmen, um sich missliebiger oder tatsächlich verhaltensauffälliger Jugendlicher zu entledigen.

Die jugendlichen Häftlinge waren in Moringen völlig entrechtet dem Terror der SS ausgesetzt. Bei unzureichender Ernährung und mangelnder Hygiene mussten sie einen mehr als zehnstündigen täglichen Arbeitseinsatz in einer Vielzahl unterschiedlicher Kommandos leisten – beispielsweise in der betriebseigenen Landwirtschaft, in der betriebseigenen Schlosserei, Strickerei, Sattlerei, Schneiderei sowie Weberei. Vor allem für die Wehrmacht wurde produziert. Auch Betriebe aus der Umgebung nutzten das Jugend-KZ als Arbeitskräftereservoir. Die beiden größten Arbeitgeber waren die Firma Piller, die sich aufgrund dieser billigen Arbeitskräfte in Moringen angesiedelt hatte, und die Heeresmunitionsanstalt in Volpriehausen, die in einem alten Kalibergwerk Munition fertigte und lagerte. Darüber hinaus waren die jugendlichen Häftlinge auch in einer Zementfabrik, beim Autobahnbau, bei Flussregulierungen, beim Kabelverlegen für die Reichspost und zum „Schwellenstopfen“ bei der Reichsbahn eingesetzt.

Ab 1941 war das Jugend-KZ Experimentierfeld innerhalb der NS-Rassenpolitik. Unter der Leitung von Dr. Dr. Robert Ritter versuchten „Kriminalbiologen“ ihre These, nach der Kriminalität und „Asozialität“ vererbbar seien, mit pseudowissenschaftlichen Untersuchungen an den Häftlingen zu belegen.

DP-Camp 1945-51

Unmittelbar nach der Befreiung des Jugend-KZ Anfang April 1945 wurde auf dem Gelände ein Lager für "displaced persons" eingerichtet. Hierbei handelte es sich im Wesentlichen um ehemalige polnische ZwangsarbeiterInnen, die auf ihre Rückkehr in die Heimat oder die Emigration in ein Drittland warteten. Das Lager existierte bis 1951.

Landeswerkhaus und Maßregelvollzugszentrum

1948 übernahm das Land Niedersachsen das „Landeswerkhaus Moringen“ und richtete verschiedene Abteilungen ein, darunter auch wieder ein „Arbeitshaus“ für „Korrigenden“. Zwei Jahre später wurde es in „Landesfürsorgeheim“ umbenannt; seit 1966 heißt die Anstalt „Niedersächsisches Landeskrankenhaus Moringen“ und seit 2011 „Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen – Standort Moringen“.

 

 

Zur Vertiefung

 

Meyer, Cornelia, Das Werkhaus Moringen. Die Disziplinierung gesellschaftlicher Randgruppen in einer Arbeitsanstalt (1871-1944). Hrsg. KZ-Gedenkstätte Moringen 2004.

Hesse, Hans, unter Mitarbeit von Wagner, Jens, Das frühe KZ Moringen (April-November 1933) - “... ein an sich interessanter psychologischer Versuch ...”, hrsg. von der Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V., 2003.

Hesse, Hans, Das Frauen-KZ Moringen 1933-1938, hg. von der Lagergemeinschaft und KZ-Gedenkstätte Moringen, Göttingen 2000, 2. Aufl. Hürth 2002.

Guse, Martin, "Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben".Eine Ausstellung zu den Jugend-Konzentrationslagern Moringen und Uckermark 1940-1945. Moringen/Liebenau 1997.