KZ-Gedenkstätte Moringen

Alfred Grasel

Zeitzeugengespräch mit Alfred Grasel

Während des Gedenktreffens der ehemaligen Häftlinge der Moringer Konzentrationslager treffen sich Jugendliche einer Moringer Gesamtschule mit Alfred Grasel aus Wien. Seit über 10 Jahren nimmt Alfred Grasel regelmäßig an den Moringer Gedenktreffen teil und spricht bei dieser Gelegenheit vor Jugendlichen über seine Erfahrungen im Jugend-KZ. Schon bei der Begrüßung bricht das Eis, als Alfred Grasel den Jugendlichen, die im Alter seiner Enkel sind, gestattet, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen. Zunächst etwas zögerlich, doch dann gelingt ihnen das „Du“, und es herrscht zwischen den Jugendlichen und dem 84-jährigen Alfred Grasel eine vertrauensvolle Atmosphäre, die es ermöglicht, dass der ehemalige Häftling offen über sein Leben spricht und die Jugendlichen keine Scheu haben, eigene Fragen zu stellen.

Im Alter von 16 Jahren kam Alfred Grasel in das Jugend-KZ Moringen. Hinter ihm lag zu diesem Zeitpunkt bereits eine Odyssee durch mehrere Kinderheime in Wien. Seine Kindheit verbrachte der unehelich geborene Alfred Grasel in sieben verschiedenen Heimen und mehreren Pflegefamilien. Im Alter von 6 Jahren kam er in eine neue Pflegefamilie und konnte hier endlich die Geborgenheit einer Familie genießen. Dies änderte sich je mit dem Einrücken der Nationalsozialisten nach dem Anschluss Österreichs an das damalige Deutsche Reich. Seine Pflegemutter war eine begeisterte Nationalsozialistin und störte sich nun an dem jüdischen Pflegekind – in Alfreds Geburtspapieren war ein jüdischer Vater eingetragen – und entledigte sich schließlich des so genannten „Halbjuden“.

Vorbei war das Familienglück, wieder wurde er von einem Heim zum nächsten weitergereicht, schließlich kam er in den überfüllten „Spiegelgrund“ in Wien, eine sogenannte Kinderfachabteilung, wo über 700 geistigbehinderte Kinder im Rahmen der Euthanasie ermordet wurden. 1942 landete Alfred Grasel plötzlich im Wiener Polizeigefängnis, von dort ging es weiter in das Jugend-KZ Moringen. Hier leistete er unter dem Terror der SS drei Jahre lang Zwangsarbeit. Sein Arbeitsplatz war die sogenannte „Muna“ in Volpriehausen, eine Heeresmunitionsanstalt in einem unterirdischen Kalibergwerk. Hier wurde Munition zusammengesetzt und gelagert. Die Arbeit war gefährlich. Gegen Ende des Krieges wurde Alfred Grasel Opfer eines schweren Unfalls: beim Rangieren quetschte eine Lok sein Bein, es drohte die Amputation, doch der Lagerarzt konnte das Bein retten, was Alfred Grasel dankbar betont. Bis heute leidet er an der Verletzung, die Wunde schmerzt noch immer.

Die Jugendlichen aus Moringen haben sich auf das Gespräch mit Alfred Grasel gut vorbereitet. Sie fragen ihn, was für ihn das Schlimmste gewesen sei: Hunger und Angst, antwortet er: „Die Angst war immer da, vor allem vor den Schlägen. Vor dem Strafstehen. Es war eine Schikane. Wenn irgendetwas Kleines passiert ist, wenn die Wäsche bei einem nicht in Ordnung ist, mussten alle raus am Appellplatz antreten, hocken, springen, hüpfen, auch bei tiefem Frost. Die SS ist rundherum gestanden und hat gelacht. Man kam sich vor wie ein Hund.“

Am Ende des Gesprächs bedanken sich die Jugendlichen bei Alfred Grasel, und er wünscht ihnen alles Gute; sie mögen ihre Jugend genießen, aber aufmerksam sein, dort wo andere verletzt und Menschenrechte mit Füßen getreten werden.